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Architektur und Design

Die Formel der Schönheit

Fabrice Fouill

Sie rührt uns, beglückt uns, zieht uns magisch an. Seit der Antike ist der Mensch dem Geheimnis der Schönheit auf der Spur. Es hat mit Mathematik zu tun. Und mit Brüchen.

Schönheit vergeht? Nein. Schönheit bleibt! Moden mögen kommen und gehen. Mal sind die Röcke kurz, mal die Bärte lang. Mal ducken sich Autos wie Raubtiere, mal ähneln sie fahrenden Festungen. Die grundsätzlichen Formen dahinter jedoch, die Gesichter und Muster, die zu uns sprechen, bleiben gleich, denn sie folgen einer uralten Konstante, die so archaisch ist, dass sie als Weltformel der Schönheit gelten darf. Fünf zu acht, so lautet die Formel, ein simples Proportionsmaß, auch Goldener Schnitt genannt. Teilt man eine Länge nach diesem Verhältnis, liegt die Teilung im Goldenen Schnitt. Was diesen Proportionen entspricht, in Form und Komposition, das zieht uns Menschen an, und zwar sofort. Legt man Menschen Rechtecke vor, bevorzugen sie jenes, dessen Kanten ein Längenverhältnis fünf zu acht ergeben; Fotografen setzen die Hauptkomponente ihrer Bilder stets außerhalb der Mitte; Gemälde alter Meister sind so aufgebaut, griechische Tempel, die Pyramiden von Giseh, das Logo von Apple.

Seit der Antike ist der Mensch der Macht der Proportion auf der Spur. Zuerst Mathematiker: Euklid hielt den Goldenen Schnitt um 300 vor Christus erstmals schriftlich fest. Künstler und Gestalter arbeiteten und experimentierten damit. Pflanzen, Tiere, menschliche Körper: Sie alle tragen die Fünf-zu-acht-Proportionen in sich. Beim Pferd markiert das Vorderbein den Goldenen Schnitt, bei der Biene die schmale Stelle zwischen Brust und Hinterleib, beim Menschen der Bauchnabel. Leonardo da Vinci hat den Goldenen Schnitt im vitruvianischen Menschen gezeichnet; dessen Proportionen gelten noch immer als globales Schönheitsideal. Heute wissen wir, dass dieser Körperbau uns einst fit machte fürs Laufen. Die langen Beine entfalten eine kraftsparende Hebelwirkung, sie erlauben weite Wege in hohem Tempo. Der aufrechte Gang macht den Menschen.

Doch es gibt noch eine tieferliegende Formel als den Goldenen Schnitt. Der italienische Mathematiker Leonardo Fibonacci notierte im Jahr 1202 eine Reihe von Zahlen, die einer besonderen Logik folgen. Die Summe der zwei vorangehenden Zahlen ergibt immer die nächste: 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13, 21, 34 und so fort. Teilt man eine Zahl durch die nächstniedrige, nähert sich das Ergebnis, je höher man kommt, gerundeten 1,6180 – genau wie beim Dividieren von acht durch fünf. Spielerei? Keineswegs. Gehen Sie einmal durch einen Garten. Sie werden Butterblumen sehen mit fünf Blütenblättern, Rittersporn mit acht, Ringelblumen mit dreizehn, Astern mit 21. Angeordnet sind die Blätter stets im Goldenen Winkel von 137,5 Grad, einem Wachstumsmuster, das dem Goldenen Schnitt folgt. Die Anordnung sorgt dafür, dass kein Blatt das andere verdeckt und jedes so viel Licht bekommt wie möglich. Die Schuppen von Ananasfrüchten, Romanesco und Tannenzapfen sind spiralförmig angelegt, die Kerne in Sonnenblumen ebenso. Die Anzahl der links- und rechtsgekrümmten Spiralen einer Frucht entspricht dabei zwei benachbarten Fibonacci-Zahlen – und natürlich krümmen auch die sich im Goldenen Winkel. Ebenso wie Nautilusmuscheln, Schneckenhäuser, Wirbelstürme, Spiralnebel.

Proportionen, die Kraft entfalten. Winkel, die Dynamik entfesseln, Ordnungsprinzipien, die dafür sorgen, dass alle genährt werden – die Schöpfung gebiert Leben auf einem Muster. Weil wir uns von jeher in dieser Schöpfung bewegen, erkennen wir sie intuitiv, fühlen uns geborgen. Jede Begegnung mit diesem Muster ist ein archaischer Moment, der glücklich macht. Unabhängig von Herkunft und Erfahrung springen alle Menschen auf dieselbe Weise an, wenn sie etwas Schönes sehen, hören oder spüren. Neurologen haben die Hirnregion lokalisiert, in der das Schöne ankommt. Sie liegt im Stirnlappen des Großhirns, gleich hinter den Augen, und zählt zu Regionen, die immer dann aktiv sind, wenn wir uns entscheiden.

Coppi Barbieri / Trunk Archive

Coppi Barbieri / Trunk Archive

Fabrice Fouill

Fabrice Fouill

Organische Rundung: Im Spiel des Lichts beginnt die Form zu tanzen. Bei der Calla wie beim Heydar Aliyev Center im aserbaidschanischen Baku, einem Bau der Architektin Zaha Hadid

Sessel Haussmann

Haussmann. Design: Trix & Robert Haussmann.

Georges Dambier, Capucine in hat by Jean Barthet, Arachnée, April, 1952

Georges Dambier, Capucine in hat by Jean Barthet, Arachnée, April, 1952

Der Reiz des Regelmäßigen: Muster schenken Tiefe und ziehen Blicke an. Der Sessel Haussmann 310 von Walter Knoll und die Schauspielerin Capucine mit einem Hut von Jean Barthet im Jahr 1952


Executive desk TAMA DESK

Tama Desk. Design: EOOS.

oxygen / Getty Image

oxygen / Getty Image

Poesie des Schwungs: Locker aus dem Handgelenk – so entstanden die natürlich wirkenden Radien bei dem Schreibtisch Tama Desk von Walter Knoll und die Seidenwolke im rechten Bild


Das bedeutet: Schönheit ist nie nur schön. Schönheit hilft zu erkennen. Sie hilft uns, das Leben zu meistern, Komplexität zu reduzieren. Schönheit macht Sinn. Das Schöne schafft Vertrauen, es signalisiert das Wahre, das Gute und Güte: Schon Babys schauen schöne Gesichter länger an. Und so feiern wir auch in den Schöpfungen des Menschen, in Gemälden, Design, Häusern, Mode – die ewige Formel der Ästhetik. Le Corbusier nutzte den Goldenen Schnitt und Körpermaße des Menschen für seinen Modulor, ein Proportionssystem für Möbel und Bauten nach humanem Maß. Oder Max Bill, Bauhaus-Schüler, Architekt und Designer: Seine minimalistischen Uhrendesigns gelten noch heute; zeitlos schön sind auch seine Druckgrafiken, die mit Schleifen, Spiralen und Mustern spielen. Ästhetik, die in mathematischen Prinzipien liegt – sie war Max Bills großes Thema.

Doch so sicher wir uns in der Mathematik der Schönheit auch fühlen – wir brauchen kleine Ausreißer. Alles Leben zeigt sich immer auch chaotisch, wild, voller Abweichungen. Gesichter in perfekter Symmetrie irritieren, wirken unecht, wenig vertrauenserweckend. Es braucht kleine Makel, die Persönlichkeit verleihen, erst dann empfinden wir einen Menschen als wahrhaft schön. Madonnas Zahnlücke, Marilyn Monroes Leberfleck, Einschlüsse in einem Edelstein – das höchste Ideal liegt in der Balance von Regelmäßigkeit und Zufall. Die Natur bringt diese Kräfte stets ins richtige Verhältnis.

Perfekt unperfekt – das gilt auch für Walter Knoll. Jede Marmorplatte zum Beispiel von Oki Table und Joco Stone erzählt eine eigene, steingewordene Variation der Erdgeschichte. Auch die Tische mit Messingoberflächen sind Unikate, denn das Metall zeigt feinste Spuren der Polisseure, die ihnen den letzten Schliff gegeben haben. Dies macht den Reiz der Produkte aus, den Reiz ihrer Schönheit.

mauritius images / Chris Wildblood / Alam

mauritius images / Chris Wildblood / Alam

Misty Copeland, principal American Ballet Theatre, photographed by © Henry Leutwyler

Misty Copeland, principal American Ballet Theatre, photographed by © Henry Leutwyler

Balanceakt: Aus sicherer Erdung erwächst Leichtigkeit, aus feinster Arbeit größte Kunst. Termitenhügel im Norden Namibias, Fuß einer Ballerina beim Spitzentanz


Side Table Oota

Oota. Design: EOOS.

Emma Backer / Shutterstock

Emma Backer / Shutterstock

Kühne Komposition: Geflecht trifft auf Fläche, Gerade auf Diagonale. Die Spannung entsteht aus der Drehung der Linien. Oota Table von Walter Knoll und das Fulton Center in New York City


Dieses Spiel mit reizvollen Erscheinungen beginnt schon in der Entwurfsphase. Walter Knoll gestaltet Produkte mit eigentlich rationalen Linien. Doch diesen rationalen Linien fügt Walter Knoll eine kreative Wendung hinzu, wie bei Oota Table. Sein filigranes Flechtwerk spielt mit grafischen Rhythmen, die emotional berühren.

Wir lieben Perfektion, wenn sie lebendig wirkt. Der Natürlichkeit unserer Materialien – Holz, Stoffe, Leder – wohnt der Wandel inne. Sie reifen. Denken Sie nur an die Patina, die unser Sattelleder über die Zeit bekommt. Wir streichen mit dem Finger über belebte Oberflächen, über kleine Makel und Narben. Über die Maserung von Holz, um die Geschichte seines Wuchses zu spüren. Schön ist, was die kreative Meisterschaft der Schöpfung offenbart. Ihre Matrix lässt die Lebensenergie erst fließen. Und so nährt Schönheit uns Menschen jeden Tag aufs Neue. Erklärt die Gegenwart, gibt uns Zukunft – verspricht die Ewigkeit.

Text: Hiltrud Bontrup

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