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News

Im Gespräch mit Creative Director Kashiwa Sato

Kashiwa Sato

»In jedem Objekt steckt eine archaische Funktion. Diesem Designprinzip folge ich. Und ich weiß, Walter Knoll tut es auch.«

Der Tokioter Kreativdirektor Kashiwa Sato spricht im Interview über Natürlichkeit und das archaische Spiel mit den Elementen Feuer, Erde, Wasser, Luft. Ein Porträt.


Kashiwa Sato mag es gern schlicht, nur bloß nicht langweilig. Der Designer sitzt im Konferenzraum seiner Agentur Samurai in Tokio in der Mitte an einer langen Tafel aus feinem, hellem Holz. Der Tisch ist so breit, dass man sich gegenübersitzend gerade noch die Hand reichen kann. Sonst ist der Raum, von gläsernen Schiebewänden eingerahmt, leer. Keine Bilder, keine Objekte, nichts, was ablenken könnte. „Wer hier hereinkommt, soll sich auf das Gespräch konzentrieren“, sagt Sato und lächelt freundlich.

Der 53-jährige Tokioter, gekleidet in dunklem T-Shirt und heller Hose, ist einer der bekanntesten japanischen Kreativdirektoren. Weltweit aktive Unternehmen wie der Bekleidungshersteller Uniqlo, der Autobauer Honda, das Modelabel Issey Miyake schätzen seine Fähigkeit des Weglassens. Beim Gestalten von Flagship-Stores und Firmensitzen reduziert er das Design so weit, dass der Markenkern in den Vordergrund tritt – und rund um den Globus verstanden wird. „Beim Weglassen werden die Prioritäten klarer“, sagt Kashiwa Sato und schiebt zur Untermalung imaginären Ballast mit den Händen zur Seite. „Was übrig bleibt, ist dadurch kraftvoller und nachhaltiger.“ In Tokio hat er gerade das neue Hauptquartier des Arznei­mittelkonzerns Pharma Inc.* gestaltet – mit Sesseln, Sofas und Stühlen von ­Walter Knoll. In dem Möbelhersteller aus dem 9000 Kilometer entfernten Herrenberg fand er einen Gleich­gesinnten: „­Walter Knoll beherrscht die Gratwanderung zwischen Gerad­linigkeit und Finesse perfekt“, sagt Kashiwa Sato. Wer wie er den Minimalismus zum Grundprinzip erhebt, braucht Möbel von besonders hoher Qualität, die eine Wirkung im Raum entfalten und die Sinne mit ihrer Perfektion erfreuen.

„Was ist Ihnen wichtig?“, diese Frage stellt Kashiwa Sato seinen Kunden am liebsten persönlich. Als Agenturchef und Grafik­designer sitzt er selbst nach zwanzig Jahren noch immer gern am Zeichentisch. Doch vor allem mag er es, im Dialog herauszufinden, was ein Unternehmen braucht und wie es sich versteht. „Ein Pharmazieunternehmen will Gesundheit wiederherstellen, das heißt: die Lebenskraft unterstützen. Deswegen habe ich die Lebenskraft als Basis für das Gesamtkonzept ausgewählt.“ Ihre Quelle liege in der Natur, die Quelle der Medizin ebenfalls. Es lag also nahe, natürliche Materialien einzubinden, vor allem Holz.

„Bei Design ist immer die Frage, wie viel bewahrt man, wie viel erneuert man“, sagt ­Kashiwa Sato, während er einen henkellosen japanischen Keramikbecher nachdenklich in der Hand herumdreht. In jedem Artefakt stecke eine grundlegende Funktion, eine archaische Form, die immer gleich bleiben müsse. „Menschen sind gleich, überall auf der Welt. Als Lebewesen funktionieren wir nach einem grundlegenden Biorhythmus. Wir haben den gleichen Geschmack bei Musik, Farben und Gerüchen. Da ist etwas Archaisches, das uns alle verbindet. Als gäbe es gewisse Grundregeln im Universum.“ Auch ­Walter Knoll arbeite nach solchen archaischen Design­prinzipien, sagt Kashiwa Sato. „Und bei Neuerungen geht Walter Knoll sehr geschickt vor, um eine Balance zu finden.“

Das ist ihm wichtig: Wer etwas Exzentrisches erschaffen wolle und dabei die Archetypen vergesse, laufe schnell Gefahr zu scheitern. „Ein Konzept darf nicht zu sehr vom Bekannten abweichen, sonst überfordert es die Menschen und wird gleich abgelehnt.“ Wenn zehn Prozent an einem Objekt neuartig seien – das sei schon sehr gut. „Es reicht aus, um einen Impuls zu geben. Wie bei einem Muskel“, sagt Kashiwa Sato und kneift sich in den Oberarm. „Ohne Impuls wächst der auch nicht.“

Inspirierende Impulse setzte Kashiwa Sato bei Pharma Inc. mit acht japanischen Schriftzeichen, die für verschiedene Bereiche des Gebäudes stehen. Stilisiert in Form von Kumiki, der traditionellen dreidimensionalen Holzkunst, schmücken sie Wände und Lampen. So ist ein schlichtes, ungeheuer wirkungsvolles Design entstanden. Klar und warm durch das helle japanische Zypressenholz und die weiche Beleuchtung. Wertig durch die mit Liebe ausgeführte japanische Handarbeit. Reduktion, Innovation und Qualität in perfekter Balance – „so funktioniert simples Design“, sagt Kashiwa Sato. Und so wird es schließlich zur Quelle von Kraft.

* Das Unternehmen möchte inkognito bleiben, wir haben seinen Namen geändert.


Zur Person

Kashiwa Sato gehört zu den gefragtesten Kreativdirektoren Japans. Er gestaltet die Markenwelt seiner Kunden vom Logo bis zum Firmengebäude. Daneben lehrt er an verschiedenen Universitäten und schreibt Bücher wie den japanischen Bestseller »Kashiwa Satos endgültige Methode, zum Wesentlichen zu gelangen«. Seit dem Jahr 2000 führt er seine Agentur Samurai in Tokio.