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Interview mit Design Hotels Gründer Claus Sendlinger

Claus Sendlinger

»Bei FK ist jeder Punkt definiert. Dieser Sessel strahlt einfach eine zeitlose Kraft aus. Und so hat jedes gute Design eine eigene Energie, einen eigenen Charakter.«

Claus Sendlinger über Personality: Häuser mit besonderem Vibe. Mitarbeiter mit eigenem Kopf. Zufälle, die zu Chancen werden. Ein Interview.


Herr Sendlinger, was ist wichtiger, Personality oder Preis?

Personality. Die Welt ist eh schon grau genug.

Sie haben vor 25 Jahren Design Hotels gegründet, ein Portal für ausgewählte Hotels. 2011 starteten Sie ein erstes eigenes Projekt. Wollten Sie das, was Sie fördern, selbst machen?

Genau. Es ging los mit dem Papaya Playa Project in Tulum, Mexiko, Strandhütten für die digitale Community. Besonders stolz sind wir auf das jüngste Projekt, die Biofarm La Granja auf Ibiza.

Wie wichtig ist bei solchen Projekten Personality?

Sie ist essenziell – wie überall. Wer sich abheben will, braucht Charakter. Wir finden pro Jahr nur zwanzig coole Hoteliers für unser Portfolio. Oft Quereinsteiger, aber sie kennen sich aus in Musik und Kunst und in ihrer Umgebung. Idealerweise machen sie gute Sachen im eigenen Haus, Ausstellungen, DJ-Sessions … Wichtig ist die User Experience. Was ein Gast erlebt.

Sie steigen nun bei Design Hotels aus und entwickeln etwas Neues, das Marina Marina in Berlin. Da gibt es einen – wie nennen Sie das?

Einen Ritualraum.

Haben Sie keine Angst, dass das zu exzentrisch wird?

Rituale sind das, was dem Menschen heute fehlt.

Wie verhindern Sie, dass Sie vor lauter Originalität die Bodenhaftung verlieren – den Draht zur Basis?

Die Leute, die sich auf der Farm treffen, sind genau die, die wir erreichen wollen. Sie alle beschäftigen sich mit Nachhaltigkeit, wollen gemeinsam das Land bestellen, kochen, essen, meditieren. Wir betreiben das Ding ganz ohne Social Media. Wer buchen will, muss eine E-Mail schreiben. Es ist ein Mysterium.

Funktioniert das?

Es funktioniert fantastisch.

Gründen Sie jetzt noch mehr solcher Farmen?

Auf keinen Fall. Die Zeit globaler Franchises ist over. Ein gutes Produkt darf man nicht multiplizieren. Sonst wird es kein Klassiker, kein Mythos. Dieser Ledersessel FK von Walter Knoll, auf dem ich gerade sitze, das ist ein Klassiker. Jeder Punkt ist definiert, er strahlt eine zeitlose Kraft aus. Und so hat jedes gute Design eine eigene Energie.

FK

Das klingt alles sehr spirituell.

Die Trendforscherin Li Edelkoort sagt, in den nächsten fünf Jahren sehnen wir uns vor allem nach Spiritualität, nach indigenem Handwerk. Und nach Wabi-Sabi. Das kommt aus dem Zenbuddhismus, es meint die Schönheit des Imperfekten, des Vergänglichen. Alles verändert sich, und in seinem Altern liegt Schönheit.

Die Mitarbeiter bei Walter Knoll sprechen auch von der Imperfektion in Perfektion. Sie arbeiten mit Naturmaterialien, mit Leder, Wolle, Holz. Deren Variationen kalkulieren sie ein …

… und damit umspielen sie die Eigenheiten, statt sie abzuschneiden.

Was glauben Sie, wie schafft man Produkte mit Charakter?

Ich glaube, man muss verstehen, dass jedes Ding erst mal eine Grundfunktion zu erfüllen hat. Ein Stuhl ist ein Stuhl, ein Hotel ein Hotel. Es gibt also die Basis, und darüber hinaus eine Art Play, Freiräume, Nischen, Positionen, Horizonte, die es zu erschließen und zu definieren gilt.

Wie finden Sie die Menschen, die zu Ihren Projekten passen?

Durch Zufall und über Freunde. Auf der Farm hat mich das Team mit einem neuen Koch überrascht. Der Typ hatte die Küche komplett umgestellt. Super Frisur, die richtigen Turnschuhe – er sah genial aus. Dann hat er für uns gekocht, Panzerotti, Ceviche und ein Lamm, das kam auf einer riesigen Holzschale. Ich fragte: Who is this guy? (lacht) Er war vorher Ober. Kam aus Südamerika und hat uns im ersten Jahr drei Leute aus Francis Mallmanns Küche organisiert.

Mallmann sagt mir jetzt leider nichts.

Er stammt aus Patagonien und hat in Kronberg mal den Grand Prix de l’Art de la Cuisine gewonnen – mit Kartoffeln. Weil er die nicht von Argentinien nach Deutschland einführen durfte, hat er sie geschmuggelt. Dreißig Sorten. Eine Tonne.

Er hat den Oscar der Gastronomie gewonnen? Mit Kartoffeln?

Neun Gänge Kartoffeln! Das ist Personality.


Zur Person

Claus Sendlinger zählt zu den innovativsten Unternehmern im internationalen Hotelbusiness. Die von ihm gegründete Design Hotels AG listet mehr als 300 Hotels im Portfolio. Er leitet mit Peter Conrads das in Berlin ansässige Kreativlaboratorium SLOW Hospitality (sensibel, lokal, organisch, weise), um weltweit einzigartige Orte zu schaffen und Hotellerie und Gastronomie neu zu denken.