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Ginger Zalaba & Otto Kolb

Eine Enkelin des Bauhaus

Designer Ginger Zalaba

Ein Besuch bei Ginger Zalaba – Enkelin des großen Architekten und New Bauhaus Meisters Otto Kolb

Die Schweizerin Ginger Zalaba hat Möbel ihres Großvaters wiederentdeckt und neu interpretiert. Geschichte einer genialen Fusion von Bauhaus, heutigem Lebensgefühl und Walter Knoll. Wir trafen die junge Künstlerin und Designerin im sogenannten „Zylinderhaus“ im schweizerischen Wermatswil – dem Lebenswerk von Otto Kolb.

Mitte der Fünfzigerjahre erschien im amerikanischen Playboy das Foto eines Sessels, der von dem Magazin gefeiert wurde wie die Einladung zu einer Verführung. Entworfen hatte ihn der Schweizer Designer Otto Kolb, der ihn wegen seiner flügelhaft ausladenden Armlehnen Fledermaussessel nannte. Doch seit der Veröffentlichung im Playboy trug er den Namen, den sich die Redakteure für ihn ausgedacht hatten: »Love Chair«. Mehr als sechzig Jahre später, 2015, taucht auf der wichtigsten Möbelmesse der Welt, dem Salone del Mobile in Mailand, ein Entwurf auf, der sich auf jenen legendären Sessel bezieht. Er gehört zur Ausstellung einer jungen und noch unbekannten Schweizer Künstlerin und Designerin, die dort ihre erste eigene Kollektion vorstellt – Stühle, die in ihrer Klarheit und lässigen Eleganz von fern an Otto Kolb und das Bauhaus erinnern und doch etwas sehr Eigenes haben.

Was anschließend passiert, ist wie eine Familienzusammenführung in der jüngeren Designgeschichte. Initiator ist Markus Benz, CEO von Walter Knoll. 1961 arbeitete das Unternehmen bereits mit Großvater Otto Kolb, als es eine gepolsterte Version des Avantgarde-Sessels entwickelte. Die erregte großes Aufsehen. Jetzt entdeckt Markus Benz die Neuinterpretation der Enkelin – und beschließt eine erneute Zusammenarbeit.

Beflügelnd: das Original des Fledermaussessels von 1951 inder hauseigenen Bibliothek

Als Kind lernt man von seinen Eltern, was gut und was weniger gut ist und wie man die Dinge des Lebens zu nehmen hat – und zwar ziemlich genau so, wie die Eltern es von ihren Eltern gelernt haben. Dass allerdings jedes Kind durch das, was es täglich sieht und wovon es umgeben ist, auch eine ästhetische Ausbildung bekommt, ist nur wenigen Menschen bewusst. Das mag daran liegen, dass ein besonderer Sinn für Form, Farbe, Material und Gestaltung nicht in allen Familien zur Lebensanschauung gehört. In der Familie von Ginger Zalaba ist er Teil des familiären Bewusstseins.

»Gestaltung war in unserer Familie immer etwas Wichtiges.«

— Ginger Zalaba

»Wir sind mit dem Design von Otto Kolb aufgewachsen «, sagt Ginger Zalaba. »Was mein Großvater schuf, war für uns normal«. Otto Kolb, vor fast hundert Jahren in Zürich geboren, war ein Schweizer Architekt und ein gestalterisches Universalgenie. In seiner Jugend gehört er zum Kreis um Künstler wie James Joyce, Wassily Kandinsky und Paul Klee und Architekten wie Walter Gropius und Le Corbusier, bevor er Ende der Vierzigerjahre nach Amerika geht, am berühmten Institute of Design in Chicago unterrichtet und sich mit Ludwig Mies van der Rohe anfreundet. Er baut Häuser, die heute in der Liste der amerikanischen Kulturdenkmale stehen, und entwirft Möbel, die von Museen in New York und Paris angekauft werden. Er ist einer der Ersten, die ressourcenschonend bauen, setzt Sonnenkollektoren ein und arbeitet mit spektakulären Seilverspannungen.

Anfang der Sechzigerjahre in die Schweiz zurückgekehrt, wird er mit der Erfindung einer Stahlspindeltreppe vermögend und errichtet in Wermatswil, einem kleinen Ort im Zürcher Oberland, ein Haus, wie es auf der Welt kein zweites gibt, das in internationalen Architekturführern verewigt ist und die Prinzipien des Bauhaus mit amerikanischen Einflüssen mischt. Es ist also keineswegs »normal«, im Design von Otto Kolb aufzuwachsen. Es sei denn, er ist der eigene Großvater. »Er hatte einfach ein Talent, wunderschöne Dinge herzustellen«, sagt Ginger Zalaba. »Sie waren in unserer Familie immer etwas Wichtiges. Ich bin ein Bauhaus-Kind.«

Sie sitzt im gestalterischen Vermächtnis, das ihr Großvater seiner Familie und der Welt hinterlassen hat. In jenem legendären Rundhaus, das wie ein gläserner Zylinder in den Berghang gestellt ist und in dem alles, wirklich alles – vom Grundriss über die Möbel und Einbauten bis hin zum Christbaumständer –, auf eine Idee von ihm zurückgeht.

Die Stahlspindeltreppe bildet die tragende Achse des Gebäudes. Sie gehört zu Otto Kolbs wichtigsten Erfindungen

»Als Kinder haben wir abends auf dem Masterbett gelegen und die Eichhörnchen in den Bäumen beobachtet«, sagt Ginger Zalaba. Wer mit einem solchen Erbe aufwächst, der hat in Wahrheit nur zwei Möglichkeiten. Er schlägt es entweder aus, um etwas anderes anzufangen, weil er nicht ständig verglichen werden will – genau das hatte Ginger Zalaba ursprünglich vor: Sie wollte eigentlich Galeristin werden, hatte an der Kunsthochschule in Zürich studiert und war gerade in Los Angeles, um ihr erstes Praktikum zu machen. Doch dann starb zu Hause in der Schweiz plötzlich ihr Vater, und sie war mit 26 Jahren Chefin des familieneigenen Betriebs. Die zweite Möglichkeit ist, das Erbe anzunehmen und etwas Eigenes daraus zu machen – und genau das tat Ginger Zalaba nun.

»Ich wusste, es braucht Mut, das zu machen«, sagt sie. »Aber ich wusste auch, ich kann es. Die Enkelin von Otto Kolb zu sein hat mich eher bestärkt.« Innerhalb kürzester Zeit wird sie von ihrer Großmutter in die familieneigene Firma eingearbeitet, die sich vor allem auf Messebau konzentriert hat. Als Ginger Zalaba ihr später zum Dank anbietet, ihre Sessel und Stühle aufarbeiten zu lassen, ist das vermutlich das erste Mal, dass die junge Frau die Arbeiten ihres Großvaters bewusst als Künstlerin und Designerin wahrnimmt. Sie studiert die einzelnen Elemente, das Material, die Linien, die Art, wie etwas gemacht ist.

Wie jeder begabte Schüler beginnt sie irgendwann, ihre eigenen Vorstellungen zu entwickeln und festzuhalten. Als sie mit ihrer ersten Kollektion von Stühlen, die sich an Modelle ihres Großvaters anlehnen, zur Mailänder Möbelmesse fährt, stecken darin ihre gesamten Ersparnisse. Meine Arbeiten zeigen zu können war für mich ein großer Erfolg«, sagt Ginger Zalaba. »Besonders, als schließlich der Kontakt zu Walter Knoll zustande kam.«

Sinn fürs Material: Zu ihren Entwürfen bei Walter Knoll wählt Zalaba zwischen verschiedenen Proben. Für Aisuu Side Chair und Aisuu Chair verwendet sie Leder und Stahl

Markus Benz, CEO von Walter Knoll, interessiert sich vor allem für die Neuinterpretation des Fledermaussessels, aber er ist unschlüssig, ob ein solcher Solitär ins Programm passen würde. Ginger Zalaba beginnt, das Modell zu überarbeiten, zeichnet hundert neue Entwürfe, verändert Proportionen, Gestänge und Armlehnen. Sie reduziert den Entwurf weiter und weiter, bis aus ihm ein Stuhl für einen Esstisch wird. Anschließend baut sie ihn wieder zu einem Side Chair aus.

Es ist nicht so, dass Ginger Zalaba keinen Respekt vor dem Werk ihres Großvaters hätte – sie hat nur keine Angst. Die Besonderheit des Originals ist seine leichtfüßige Opulenz, die Besonderheit ihres Modells ist die kompakte Klarheit, an der nichts überflüssig ist und die dennoch nicht schmucklos wirkt. Die ursprünglichen Elemente – Stahlrohr und Sattelleder – hat sie wieder aufgenommen. Konstruktion und Statik sind komplett neu – und origineller: elegant, reduziert und stark. Es gibt den Aisuu nun als Side Chair, aber eben auch als Stuhl für den Esstisch zu Hause und in Restaurants. »Das Bauhaus hat uns eine Ästhetik geschenkt, die seit hundert Jahren Gültigkeit hat«, sagt Markus Benz. »Ginger Zalaba gelingt es, diese Ästhetik anzunehmen und sie auf ihre Weise weiterzuentwickeln. Ungewohnt anders, aber sinnlich und schön.«

»Es war an der Zeit, den Fledermaussessel in unsere Gegenwart zu holen«, sagt Ginger Zalaba. »Dass die Neuinterpretation nun bei Walter Knoll erscheint, hätte meinen Großvater sicher gefreut.«

Aisuu Side Chair – Erfahren Sie hier mehr

Aisuu Chair – Erfahren Sie hier mehr

Biografie der Schweizer Designerin Ginger Zalaba


Text: Marcus Jauer

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