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Gültigkeit

Walter Knoll und die Wirkung der Moderne

Markenland Walter Knoll

Beeinflusst Architektur die Motivation der Menschen, die in ihr arbeiten? Ja. Kann gute Architektur die Philosophie eines Unternehmens verkörpern? Noch mal ja.

Was lichte Architektur leistet, wissen wir, seit Walter Gropius vor über hundert Jahren die Fagus-Werke in Alfeld, später die Bauhaus-Werkstätten in Dessau errichtete. Kubische Bauten mit großzügigen Glasfassaden erhellen Räume und Stimmung der Beschäftigten, wirken nach außen offen und einladend. Wer sich der Zentrale von Walter Knoll in Herrenberg nähert und Parallelen zu Gropius-Bauten erkennt, liegt richtig. Walter Knoll lebt und liebt die Moderne.

Das zeigt sich schon an einem herausragenden Detail: der gläsernen Ecke. Über vier Stockwerke flankiert sie den Eingangsbereich. Gewissermaßen en passant bekommt der Besucher einen Einblick in die Tiefe der Produktion, verbunden mit einem Gefühl von Leichtigkeit und Transparenz. Riesige Scheiben von vier Meter mal 1,88 Meter Größe wurden bis an die Ecke herangeführt. Dahinter reihen sich schlanke Betonsäulen. Ihre tragende Rolle ist durchaus sichtbar, aber ihre Erscheinung diskret: Sie überlassen dem Glas den Vortritt.

Klare Kante: Die markante Ecke in der gläsernen Fassade veranschaulicht zentrale Werte des Unternehmens – Tiefe, Sorgfalt, Offenheit

Geschmeidig: Der Beton im Treppenhaus schimmert im Licht des Fensterbands so samtig, dass man ihn streicheln möchte

Walter Gropius hat die Idee der gläsernen Ecke weltberühmt gemacht. Beim Bauhaus-Gebäude verband er die transparenten Kanten als Erster zu einer durchgehenden Glasfassade. Mies van der Rohe perfektionierte die Konstruktion und nannte sie Curtain Wall – gläserner Vorhang. So wirkt auch die Fassade in Herrenberg wie aufgehängt in einem schlanken Betonrahmen.

Der Architekt Hansulrich Benz hat die Zentrale in Herrenberg sowie zwei Produktionshallen im nahen Mötzingen zwischen 2001 und 2012 errichtet. Die Produktionshallen folgen ebenfalls der Idee eines Kubus. Allerdings sind sie mit Titanzinkblech verkleidet und umfassen semitransparente Bereiche, in die Türen, Fenster und Laderampen eingelassen sind.

Corporate Architecture: Auch die Produktionshallen in Mötzingen folgen der Idee einer Spange, die einen transparenten Kubus umfängt

Hansulrich Benz hat eine Corporate Architecture entwickelt, die aufeinander verweist und sich ergänzt. Dass sich seine Bauten am Stil der Moderne orientieren, mag zum einen an der Firmentradition liegen. Gründer Walter Knoll hat mit Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe persönlich gearbeitet. Entscheidender aber ist, dass die Moderne das Selbstverständnis von Walter Knoll noch heute verkörpert: Minimalismus, Klarheit, Transparenz, ästhetische Langlebigkeit. Das sind die Prinzipien, nach denen hier Möbel gestaltet werden. Auf allen Ebenen, wie das Gebäude durchblicken lässt: Im Erdgeschoss die Polsterei, darüber die Näherinnen, im dritten Geschoss arbeitet die Verwaltung, ganz oben betritt der Kunde den Showroom. Lichte Räume, die aus nur drei Materialien bestehen: Glas, Stahl und hellem Sichtbeton. Das Motto von Mies van der Rohe gilt nach wie vor: Weniger ist mehr.

Die minimalistische Klarheit zeigt, wie gut das Unternehmen sein hochkomplexes Geschäft beherrscht: internationales Möbeldesign. Sie zeigt auch, dass hier etwas intensiv betrieben wird: Nachdenken. Hansulrich Benz sollte den Neubau mit mehreren historischen Bauten auf dem Gelände des Walter Knoll Markenland verknüpfen. Dazu hat er die Funktionen – Produktion, Vertrieb, Lager, Verwaltung, Ausstellung – räumlich neu strukturiert.

Dialog der Epochen: Aluminiumpaneele am Neubau akzentuieren historische Bauteile im Markenland von Walter Knoll

Diese architektonische Intelligenz steckt auch im Energiesystem. Die neue Heizungsanlage benötigt vierzig Prozent weniger Energie für das gesamte Markenland in Herrenberg als zuvor allein für den Altbau. Dazu tragen Fotovoltaikanlagen bei und die Temperierung der Betonkerne, die das Raumklima stabilisiert. Die Kerne können im Sommer zusätzlich mit Wasser aus dem Sprinklertank gekühlt werden. Die Technik liegt elegant in Decken und Böden. Wohin man auch geht und schaut und greift – die Corporate Architecture von Walter Knoll vermittelt auf körperlich spürbare Weise, wie das Unternehmen arbeitet: sorgfältige Planung, profunde Entwicklung, klare Formensprache, wertige Materialien, Perfektion im handwerklichen Detail. Und viel Liebe an Ecken und Kanten.

Text: Carsten Jasner